Meine Tochter ist NICHT hyperaktiv

Ich kann es einfach nicht mehr hören:

Kann sie sich nicht mal benehmen?

Sowas hätte es früher nicht gegeben.

Beruhigen Sie doch mal das Kind!

Ein Klaps hat da noch nie geschadet.

Ist Ihnen das nicht peinlich?

Machen Sie doch mal was.

So ein ungezogenes Kind.

Das ist eure Erziehung!

Du musst konsequent sein.

Das liegt an dem Zucker.

Zum Glück ist das nicht mein Kind.

Die ist doch hyperaktiv.

NEIN, das ist sie nicht. Meine Tochter ist weder hyperaktiv, noch verzogen, noch ungezogen, noch gemein oder sonst was.

Denken die Leute wirklich, dass ich es toll finde oder es mir egal ist, wenn sie sich mitten im Supermarkt auf den Boden schmeißt und schreit? Denkt wirklich jeder, dass ich dann Tipps brauche? Ich hab doch schon alles probiert. Alles. Ja, ich habe mich auch schon daneben geschmissen. Natürlich habe ich schon versucht sie zu beruhigen, sie zu bestechen, einfach weiter zu gehen oder sie wegzutragen. Es bringt nur nichts. Einfach abwarten bis ihr Anfall vorbei ist, dann geht alles wieder gut. Nach fünf bis zwanzig Minuten kann sich das Bärchen nicht mal mehr dran erinnern, warum es das gemacht hat. Und nein, es ist kein Trotzanfall, wie ihn fast Vierjährige öfter haben. Denn meine Tochter weiß danach nicht mehr, warum sie so außer Fassung geraten ist. Manchmal weiß ich es selbst nicht. Sie ist dann einfach mit der Situation überfordert, das kann auch passieren,  wenn wir schon oft in der gleichen Situation waren. Es passiert einfach, meist ohne Vorwarnung und hinterher ist sie oft verwirrt. Das liegt auch daran, dass sie sich noch nicht zu 100% ausdrücken kann. Sie kann nicht erklären was da über sie gekommen ist, warum sie beim Einkaufen einen Schreikrampf kriegt, warum sie beim Sport plötzlich minutenlang weinen muss, warum sie sich auf dem Spielplatz in den Sand wirft und nicht mehr aufstehen kann, warum sie auf einmal um sich schlägt. Aber ich weiß es mittlerweile.

Das Bärchen hat eine Regulationsstörung. Schon immer. Als Baby hieß das, dass sie stets und ständig geschrien hat. Dann kamen die Schlafstörungen:das nicht in den Schlaf finden und immer noch das nicht alleine schlafen können. Mittlerweile sind es die Gefühle, die sie oft nicht kontrollieren /regulieren kann. Im Kindergarten schafft sie es lange, sich anzupassen und beobachtet ganz genau, was die anderen Kinder machen,  um das auch zu tun. Dort findet sie auch mittags gut in den Schlaf, hier ist das absolut undenkbar. Wenn ich das Bärchen abhole, merke ich sofort, ob es heute einfach für sie war und sie viel für sich selbst und frei spielen konnte oder sich in die Gruppe integriert hat. Dann muss nämlich nur eine Kleinigkeit nicht passen und der erste Schreikrampf kommt in der Kita. Das kann sein, weil ich ihr die Schuhe gegeben habe, obwohl sie sich die selbst holen wollte  oder ihre Stiefel Schuhe genannt habe oder das Baby zuerst fertig gemacht habe oder das Baby noch nicht abgeholt habe. Wenn ihre Erzieherin sie dann so sieht, ist das für sie immer unverständlich  allerdings schafft sie es in dieser Situation  auch nicht, das Bärchen zu beruhigen.

Einmal im Monat ist meine Große ja ein Wochenende bei meinen Eltern. Auch dort läuft es meist, aber nicht immer gut. Mein Vater ist da einfach etwas resoluter, er nimmt sie dann hoch und trägt sie weg. Das schaffe ich meistens nicht, weil ich ja nicht nur das Bärchen, sondern auch noch das Baby habe und beide gleichzeitig tragen plus Einkauf/Taschen kann ich nicht. Aber es ist tatsächlich so, dass das Bärchen sich alleine am besten beruhigt. Zuhause nehme ich sie auch hoch und trage sie in ihr Zimmer, dort höre  beziehungsweise sehe ich sie und es ist wirklich so: nach meist rund zehn Minuten schüttelt sie ihren Kopf und fängt an irgendetwas zu spielen. Spricht man sie später auf ihren Ausbruch an, weiß sie oft gar nicht, was man meint.

Und hier ist dieser große Unterschied zu Trotzanfällen. Da ist das Kind nicht überfordert, sondern möchte meist etwas. Bekommt es das, beruhigt es sich, es ist oft nur ein Druckmittel. Trotz. Bei dem Bärchen hilft das nicht. Ich könnte ihr geben, was sie möchte oder das ändern was sie stört, aber es wird ihren Wutanfall nicht mindern oder abkürzen. Es hilft tatsächlich nur abwarten.

Das ist nicht leicht, aber machbar. Ich muss mir dann immer nur wieder sagen, dass das nicht sie ist. Und natürlich hilft es, dass sie danach oft ganz lieb ist. Sie räumt alleine auf, sie drückt mich und sagt, dass ich ihre beste Freundin bin. ♥ Sie kuschelt mit ihrem Bruder, holt ihm Spielzeug und gibt ihm ein Küsschen und sagt, dass sie ihn lieb hat. Sie spielt leidenschaftlich gerne mit Figuren, denen sie Rollen gibt und macht das auch sehr gerne alleine und lange. Und sie redet, redet und redet. Ein erstaunliches Mitteilungsbedürfnis, von wem sie das wohl hat.

Momentan höre ich von anderen Eltern, deren Kinder auch eine Regulationsstörung haben, dass es in der Schule besser wird. Warum auch immer. Als das Bärchen noch ein Baby war, hieß es, dass es mit drei Jahren besser wird. Jetzt ist das Bärchen fast vier Jahre alt und nun soll es in der Schule besser werden. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich stark genug bin, alles durchzuhalten und für meine Tochter da zu sein, ihr Halt zu geben und sie lieb zu haben, egal was da noch kommt. Meine Tochter ist definitiv nicht hyperaktiv, sie ist großartig.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s