Veröffentlicht in Wir denken...

Gedanken über das Leben und das Nichtleben

Ich wollte gerade den längst fälligen Beitrag zum zweiten Geburtstag des kleinen Bärchens schreiben, musste aber immer wieder was löschen und ändern und habe dann beschlossen, meinen momentanen Gedanken freien Lauf zu lassen.

Seit über einem Jahr dreht sich in meinem Leben vieles um das Leben. Und das Gegenteil davon. Vor kurzem habe ich mich tätowieren lassen, das erste Mal seit einiger Zeit wieder.

Ein Stickertattoo am Handgelenk. Ein Boot, das ich immer sehen kann. Ein Symbol, welches mich stets daran erinnert, dass es weiter geht. Klingt ein bisschen banal oder? Ist es aber nicht.

Weiterleben, weitermachen, einen Tag nach dem anderen nehmen ist nicht einfach und es ist nicht banal. Für einige Menschen ist das DAS Schwerste überhaupt. Überleben ist nicht der Wunsch eines jeden Menschens. Das zu erkennen ist unglaublich schwierig. Es zu akzeptieren unvorstellbar schwer.

Berufsbedingt aber auch privat kenne ich viele Menschen, denen es so geht. Immer.

Ich habe einen großen Helferkomplex, wahrscheinlich bin ich deswegen Sozialarbeiterin geworden. Weil ich tatsächlich etwas ändern möchte. Helfen will. Hilfe zur Selbsthilfe, das große Thema der Sozialen Arbeit. Unterstützung ist angebrachter als Hilfe. Für die Unabhängigkeit, für das Leben. Oder auch das Nichtleben. Erfolg ist in meinem Beruf schwer zu messen, vielleicht gar nicht wirklich zu ermitteln. Oft werde ich gefragt, ob ich Gespräche, Probleme, Menschen mit nach Hause nehme. Physisch natürlich nicht. Mein Haus ist mir heilig. Gedanklich selbstverständlich. Niemand kann immer und vollständig abschalten.

Vor über einem Jahr habe ich einen Monat lang täglich geweint. Ein unglaublich lieber, großartiger, unglaublicher Mensch hat sich dazu entschieden, nicht mehr da zu sein.

Danach weiter zu machen.

Privat musste es schnell sein, die Kinder brauchen mich. Beruflich war es schwer. Denn dieses Thema war immer wieder Thema. Psychische Erkrankungen sind allgegenwärtig. Selbstverständlich bin ich kein Psychiater. Aber ich vermittle dorthin, ich begleite, ich fange auf, ich höre zu. Ich bin da.

Deswegen mache ich diesen Job weiter. Obwohl ich dachte, dass ich es nicht mehr kann. Nicht so wie vorher. Aber trotz allem, trotz meiner Erfahrungen, meinem Schmerz, meiner sehr eigenen Art, denke ich, dass ich etwas bewegen kann. Manchmal viel, manchmal nur etwas und manchmal nur das kleine bisschen, das den Unterschied zwischen Leben und Nichtleben ausmacht.

Was ich hiermit auch ausdrücken will, sucht euch Unterstützung, Hilfe, Beistand, egal wie ihr es nennen wollt. Sorgt für euch genau wie für eure Mitmenschen. Bleibt da.

Das Tattoo entstand ein Jahr danach. Auch für dich. Denn für mich bist du immer da.

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